Texte


Hohe Kunst in Alter Schule 27_6_18 GabyKnoop

Nachdenken über künstlerisches Arbeiten/ Sabine Kramer

Ich begleite mich auf die Pirsch ins Irgendwo.

Ich werfe meine Magnetaugen aus; wenn etwas andockt, ziehe ich die Augen rein, begutachte den Fang und gebe ihn weiter ins Untersuchungslabor zur Bearbeitung.

Was haben wir da?
Was interessiert daran?
Welche Abwandlungen davon gibt es, welche fallen mir dazu ein?
Welche Bezüge, Verhaltensmöglichkeiten, Qualitäten finden sich?
Ich, das Auge, durch mich, den Sucher, fixiere durch mich, das Objektiv ein Objekt – an dem ich mich spiegele.

Was bedeutet begreifen ?
Deuten             Greifen
Bedeuten         Begreifen
Andeuten         Ergreifen
Hindeuten       Angreifen

unterschiedliche Arten wahr zu nehmen  ( auch das ein besitzanzeigendes Kompositionswort)
Nehmen     –     Annehmen    –    Einnehmen

Meint Verstehen: besitzen, einverleiben, fressen, verdauen, oder eher: dem  Maul entreißen und, sublimiert, den Augen überantworten, also auf Distanz setzen ?
Die Arbeit des Verstehens ist ein Tasten und Gründeln im Unbekannten, Unerkannten.
Deuten durch Aufnehmen ins Gedächtnisarchiv
Deuten durch sammeln und verbinden
Deuten durch ziehen von Formenextrakten
Das Verstehen ist ein plötzliches Aufleuchten. Wenn ich Glück habe, bleibt es ein Teil von mir. Häufig verflüchtigt sich der Erkenntnismoment so schnell wieder wie eine Sternschnuppe, der ich einen Wunsch mitschicke. Schade, aber aufregend.

Verschlüsselte Ansprache trifft mich aus der Außenwelt. Ich entschlüssele sie mit meinem mir eigenen und von mir entwickelten Formencode und gebe sie in dieser transponierten Form weiter zur gefälligen weiteren Interpretation durch den Betrachter.
Ich möchte meiner Mitteilung das „Leicht zu umarmende“ nehmen, ihm aber die Gabe verleihen anzustacheln, zu reizen.

 


Infrastruktur/ Gedanken zur Motivfindung

Zeichnend nehme ich die Welt war wie ein Küstensegler, der den Saum der Inseln abtastet nach Zugänglichkeit und Gefahr.
Zeichnend bewege ich mich vorwärts als Balancierende auf Stegen zwischen Löchern.
Ich erfahre, erzeichne was ich sehe und empfinde und bilde daraus Parallelwelten von Einsichten, Anschauungen und Weltfahrplänen.
Zeichnen und Schneiden sind Gefühlssynonyme in meiner Arbeit. So entstehen Zeichnungsobjekte, Reliefs vor der Wand und auch Raum zerschneidende Skulpturen. Zeichnung auf verschiedenen Bildgründen und Zeichnung als Objekt und Skulptur verzahnen sich.

Loch ist da wo Etwas nicht ist

In meiner Arbeit, ob Skulptur, Objekt oder Zeichnung, geht es um die gegenseitige Bedingtheit von Etwas und Nichts, um aufgebrochene Materie. Ganzes, Geschlossenes, Heiles ist gelöchert. Aus der abstrakten, reinen Form entstehen Sinnbilder: Haus Rad, Passage… Das wo und wie der Löcher, ihre Ordnung stigmatisiert die Objekte und weckt teils Assoziation von Verlassenheit, Bedrohung, Kälte, Brüchigkeit, Fall, um sich greifende Leere, teils Empfindungen von Befreiung, Überwindung von Schwere, Bewegung.
Loch ist da wo Etwas nicht ist. Eine Unversöhnlichkeit? Eine Tragödie? Die Uferform des Nichts, ergibt sie nicht ein Etwas? Man kann sich ein abhanden gekommenes Etwas denken, ausgesägt, ausgebrannt, ausgeschnitten. Das Loch zieht Neu-Gier an. Besonders das dunkle Loch beflügelt Entdeckerphantasie. Ist es ein Eingang, Durchgang in verborgene Welten? Das Loch atmet andere Luft aus als der Wind, der um die Ecken streicht. Auch die saugenden Schwarzen Löcher, in denen Materie komprimiert wird und verschwindet sind Löcher, aber ob da Etwas nicht ist? Also ist Loch auch Etwas, nur eben das unvereinbar Andere zum materiellen Etwas?
Welche Gefühlsdimensionen werden aktiviert, wenn man das Verhältnis von Leere zu Materie in die eine und andere Richtung verschiebt? Wo sind Kipppunkte von Freiraum zu Leere, von Schutz zu Würgegriff, von Stabilität zu Schwindelgefühl, von Neugier zum Zurückweichen?

Sabine Kramer 2016


Mitteilung an ein Gegenüber 2015

Mir fällt auf, dass es in mir den Bilderstreit gibt. Zum einen die Liebe zur romanischen Derbheit und der Feinheit der Gotik in menschlichen und dämonischen Darstellungen, und zum andern die Bewunderung, den Schauer inmitten „gereinigter = abstrahierter“ Formen und Räume.
Und dass ich über die Bildwelt mit meiner katholischen Kindheit verbunden bin. Von den Attributen, die den Heiligen zugeordnet werden, hatte ich schon gesprochen.
Meine Stab- und Fahnenobjekte, mit ihren Archetypen-Kopfstücken kommen von den Figuren, die bei Prozessionen mit getragen werden, z.B. ein Herz im Strahlenkranz, auf einer Stange wandert mit durch die Landschaft, während wir Kinder Blumen streuen – ein surreales eindringliches, nachhaltiges Bild.
Daneben gilt auch der Prozess: von in mir vorhandenen Bildern zur neu eroberten Bildsprache. Anhand der Boote-Serie versuche ich das aufzuzeigen. Die zwei Arbeiten Rechenboot und Doppelsegel sind die Neufindungen aus den Stangenbooten vorher.
Eine Art Methode ist der schillersche Spieltrieb in der Entwicklung, in der Suche nach Neuem:
Erst „interesseloses Wohlgefallen“, unzensiertes Herauszeichnen, jedem Produkt volle Aufmerksamkeit und Wohlwollen schenken. Keine intellektuelle Wertung. Das ist mein Fundus in mir, den ich als meinen Kern ansehe, der mich auch trägt.
In einem folgenden Prozess des Veränderns, Ableitens, Abstrahierens entstehen dann die für mich neuen „Formvokabeln“
Inhaltlich geht es in meiner Person und Werk um Einsamkeit, Gefängnis, Freiheit, Schutz, Gefahr – damit verflochten aber auch Witz, Assoziationsfreude, Neugier, Lebensgier.

Sabine Kramer 2015


Text zum Zeichnen 2005
( zu Partikelgestöber)

Jede Zeichnung, jede Notiz kann eine Folge von Zeichnungszyklen, Objekten, neuen Gründel-Bereichen eröffnen; über Jahre hinweg mein Leben begleiten.
Die Zeichnung ist der Antreiber, der reizt, nicht ich, die ich ritze.
Eine gelungene Zeichnung, die Auge und Puls flackern lässt, von der ich noch nicht weiß, was gelungen ist, das ist der Antrieb.
Es gibt ein paar herausstechende Zeichnungen, Zeichen, die in dem Geflecht des Kombinierens, Erweiterns, Rückbeziehens immer am „dransten“ sein wollen, sich überall hineindrängeln, überall mitgesehen sein wollen.
Zeichenformen wie „Menschengrundriss“, „ Pfeil“, „Kreuz“, „Parallelenstruktur“ sind eine Kerntruppe, anhand derer ich einen roten Faden durchs Labyrinth der Bildfelder verfolgen will.
Es ist schwer und zäh, verbal die Verflechtung von Anmut, Anmutung und Bedeutung aufzudröseln
Diese Zeichen sprechen mich optisch-seelisch, architektonisch-körperlich, sinnbildlich-phantastisch an. Ich spüre sie als mir entsprechende Charaktere. Ich habe sie in der Außenwelt entdeckt, und finde so Verknüpfungsmöglichkeiten, Verständigung, Orientierung zwischen mir und dem draußen.
Die ursprüngliche Wahrnehmung der Elemente war und ist eine ästhetische, dann habe ich sie gesucht, gesammelt nach ihren Bedeutungsgehalten befragt und zusammengeführt, überlagert, mit anderen Bereichen meiner Aufmerksamkeit. So entstand meine Bildsprache, von der oft gesagt wird, sie sei hermetisch, sie sei verschlüsselt, unverständlich.

Ich fand und erfand sie in einer Zeit, als ich in Frankreich reiste, um die alte europäische Architektur zu studieren. Am „nachhallendsten“ erwies sich der Gräberhügel mit vorchristlich-frühchristlich-romanischer Kirchenanlage Montmajour (Provence). Da sind Gräber in Kalkstein gehauen circa 1 Meter tief in Menschenumrissform. Der Hügel erschien mir wie ein Schweizer Käse, der Körperformlöcher hatte. Das flirrende kontrastreiche Licht ließ positiv -negativ-Eindrücke oszillieren. Es konnte sich genauso gut um fliegende Schatten (Seelen) handeln wie um unregelmäßig verstreute Tiefen im Felsenhang.

Die Idee oder der Eindruck (was weiß ich): befreite Seelen, fliegende Leiber, über Landschaften, über Architektur, über Zeit schweben zu lassen ermöglichte mir einen Ausdruck zu finden für die Trauer und das Entsetzen über den damaligen Golfkrieg. Es wurde ratz- fatz die ur- ur- ur- alte Kultur im biblischen Zweistromland zerbombt.
Da kamen mir Zeitungsfotos, erinnerte Aufnahmen vom 2. Weltkrieg: Flugzeuggeschwader, Formationen mit Bombenregen in den Sinn. Flugzeug – Pfeil: Pfeil als Zeichen für Bewegung, Bewegung in Raum und Zeit. Pfeilraster = vorrückender Flächenregen, Flächensturm, Flächenbrand, Lauffeuer – auch springende Flämmchen zum Flächenbrand vor Marseille habe ich mittendrin zum ersten mal erlebt.
Pfeile über der Golfregion meinte Überwehen mit Vernichtung, eine anrückende Plötzlichkeit, Plötzlichkeit arretiert in die Montage. So entstanden Zeichnungen von überlagerten Landschaften, Tempelarchitekturen, alten Dorfanlagen, aber auch mich unmittelbar umgebende Plätze mit eingetragenen Menschengrüppchen wie Sternbilder – überlagert mit der möglichen Plötzlichkeit, den Pfeilgeschwadern. Phantasien, Bilder, wie die Plötzlichkeit vor dem Platzen über der Welt verharrt, um dann in einem Moment alles aus- und- wegzufegen
Dass Pfeile auch die Winde, Luftströme auf der Weltkarte anzeigen, und Zyklone, und verwüstende Naturkatastrophen beinhalten, kommt als Bildinhalt und Kombinationsaspekt zu den Bombengeschwadern hinzu.
Die islamischen Selbstmörder, Körper, die sich und ihre Umgebung zerplatzen lassen, sind noch eine Realität, für die ich noch keine Notation weiß. Ich suche nach meiner Möglichkeit des Notierens.

Sabine Kramer

Zeichnung/ Nachbilder 2016
Die Zeichnungsmotive entspringen Nachbildern auf der Netzhaut, oder auch Nachbildern von Gedanken, erinnerten Bildkomplexen.